Urlaub, Ferien, Erholung, Ruhe – krank!

So ist es ja immer, nicht wahr? Kaum kommt man zur Ruhe, freut sich auf die erholsamen Tage, die vor einem zu liegen scheinen, endet man kränkelnd in fremder Umgebung. Vorher wusch und packte man, um für jede Aktivität gewappnet zu sein, brachte die lästige Autofahrt vorbei an Baustellen und gesperrten Rastplätzen hinter sich, bezahlte Unsummen für ein vergammeltes Brötchen und wollte am liebsten selbst im Minutentakt ausrufen, wann man denn endlich da sei.

Dann endlich ist man angekommen, schleppt alles in das temporäre Heim und verspeist glücklich und zufrieden den Tags zuvor zubereiteten Nudelsalat – der nie besser schmecken würde als nun. Er war auch wirklich gelungen. Müde sinkt man in die Kissen, schläft schlecht und erwacht voller Tatendrang, der ein wenig durch das Wetter gedämpft wird. Als jahrelange Norderneyerin (kann man werden, nur Insulaner niemals!) wußte ich, warm wird es nicht, sondern feucht und böig. Ist es aber querregnend, dann bleibt auch der Nordseefan samt Familie und Hunden lieber im Haus. Im Haus, das Sauna und Whirlpool hat, in die der Gatte seiner Rückenbeschwerden wegen gesteckt wird, bevor ihm Massagen erteilt werden. Nach kurzen Gassigängen geht es ins Schwimmbad, vollgestopft mit Menschen, die – jetzt seien wir mal ehrlich und gemein – man zu einem Großteil nicht gerne im eigenen Wohnzimmer sitzen hätte. Aus diversen Gründen. Immer wieder treffen sich Blicke zwischen zwei Frauen, die sich als seelenverwandt begreifen, ohne aber zu weiteren Gesprächen zu führen – ich persönlich friere auch bei 29 Grad, wenn ich dabei klatschnass umherstehe und bin dann wenig kommunikativ.

Und dann freut man sich auf den dritten Tag, um fest zu stellen: Nordseeluft macht immer noch müde und so vergammelt ein jeder diesen Tag mit Genuß. Ich über Stunden in der Sauna und im Sprudel, abwechselnd strickend und lesend, die Jungs ohne jedes Gewissen an ihren Handys und der Gatte im Bett, den Rücken und die vom neuen Job geplagten Nerven schonend. Abends gönnt man sich das zweimalig gebuchte Buffet, das aber auch nicht einen Cent seines hohen Preises wert ist und erlebt dabei, dass die Vorurteile, die man im Spaßbad erwarb, hier aufs Schönste bestätigt werden – wer dort Kinder von der Rutsche schubste, hat auch geringe Hemmungen, andere gegen Heizplatten zu bugsieren oder Gabeln zur Verteidigung verbrannter Buletten einzusetzen. Als Veggie konnte ich immerhin ein Gemüserösti, eine Portion Fritten und einen 08/15-Salat ergattern. Der Gatte versorgte mich ungefragt mit einem Glas Weißwein, um sich dann über mein Gesicht zu amüsieren – ich bin schon keine große Weinliebhaberin, aber dieser Tropfen bescherte mir ein ganz neues Geschmackserlebnis. Drumherum jedoch wurde mit Wonne jeder noch so überladene Teller geleert, bevor Nachschub ranrollte. Soviel Hunger konnte hier doch niemand haben, um über die ersten Bissen hinaus noch angetan zu sein vom Angebot? Nun, einmal müssen wir noch hin und das hat ja auch seine Vorteile: Wie schön es ist, nicht kochen, aufräumen und nachkaufen zu müssen, wissen wir alle. Dafür nimmt man auch einmal oder zweimal eine gewiße Minderwertigkeit in Kauf.

Nun, an Tag vier sollte es aber endlich losgehen mit der Bewegung, der vielen. Stattdessen wachte ich mit Halsschmerzen aus der Hölle auf. Aber dennoch wollte ich mit allen raus und den Hunden. Bis knapp vor den Deich schaffte ich es, dann war ich durchgefroren und mein Kreislauf weg, das linke Ohr dröhnte und trommelte vor Schmerz und ich schwankte wie eine Schnapsleiche morgens früh um vier mühsam ins Ferienheim. Zurück in Wanne und Sauna mit frisch erworbenen Halsschmerztabletten, wo ich mich von den Söhnen mit belegten Broten (gibt es etwas köstlicheres, als von liebevoller Hand geschmierte Brote, wenn man kränkelt?) und Kräutertee versorgen ließ und es ansonsten dem immer noch schmerzgeplagten Gatten übertrug, sich um seine Söhne zu kümmern.

Aber Tag fünf! Ich war mir sicher, meine Erkältung würde wieder einmal ein kurzes Gastspiel sein: Brutal schmerzhaft zwar, aber schnell. Stimmte. Hurra! Also raus. Bis kurz vor den Deich, dann auf einmal Krämpfe. Ja, klar – ich musste meine Tage bekommen. Im Urlaub. Und wieder lag die Mutter flach. Das hatte ich mir wirklich anders gedacht. Immerhin – so hatte ich schon drei Bücher gelesen und das Stricken begonnen. Und morgen wäre auch noch ein Tag … vor dem eine Nacht lag, die überhaupt nicht witzig war. Als sie endlich um war, schmiß ich mich unter die Dusche, machte mich so hübsch es noch ging – die Handarbeitsschere half, die schnitt mir noch mehr Haare ab – und stellte mich dem Jüngsten vor seine streifengebende Kamera, denn den Pulli, den ich trug, hatte ich noch nie verbloggt.

Was ich hiermit tue. Viel erkennen lässt sich nicht. Die Wolle ist von Lana Grossa, die letztjährige (?) Brigitte-Edition, die sich zwar schön verstrickt, aber pillt wie verrückt. Es ist ein türkis-petrol, vielleicht einen Ticken zu grünlich für mich, was aber momentan sehr schön mit meiner grünlichen Nase korrespondiert. Sieht man aber auf den Bildern nicht.

 

 

Der Pulli selbst ist so simpel, wie es nur geht: Er geht gerade hoch, hat eine modifizierte Schulter (also eine einfache Achselabnahme, die sich im Ärmel wiederholt, einen Rundhalsausschnitt und nach unten schmäler werdende Ärmel – also knapp mehr als ein Anfängerprojekt. Genau das, was ich manchmal will.

 

 

Und weil Micky doch immer mit ins Bild will, überlasse ich ihm gerne die Hauptrolle. Besonders gut geht es ihm hier nicht: Der Sand, der Wind, das Salz reizen seine Augen, so dass er wenig sieht.  Er benimmt sich unglaublich aggressiv anderen Hunden gegenüber und hat sich dazu noch etwas in die Pfote getreten, die immer wieder neu blutete. Kaum sind wir im Haus, sucht er Nähe und Versicherung. Ich denke, wir sind dieses Mal alle sehr froh, wenn wir wieder zu Hause sein werden – es läuft so gar nicht wie gewünscht. Selbst das herrliche Café-Bistro auf dem Deich, in dem wir letztes Jahr so oft und gerne saßen, ist nicht mehr da … der nächste Nordseeaufenthalt muss endlich wieder die Insel sein!

Gerüscht – ok. Länge – ups.

Bevor ich in den nächsten zwei Wochen dank Schulferien und Gattenurlaub zu gar nichts komme, wollte ich in der letzten Woche unbedingt vieles schaffen: Texte für ein zweites Projekt beenden, ein Blusentop konstruieren und nähen und ein T-Shirt kopieren (Jersey!Ich!), das Haus von oben bis unten putzen und ordnen, ein Strickprojekt finden und beginnen, meine Haut wieder in Spur bringen und Haare schneiden lassen.

Idiotisch. Ganz klar. Idiotisch.

Dennoch habe ich ein T-shirt halb genäht und Erkenntnisse gewonnen, mir die Haare von einer Freundin schneiden lassen, das Haus teilweise gesäubert und Strickzeug zumindest bereit gelegt.  Auch die Texte sind beendet und das Top gezeichnet und genäht. Über drei Tage lang. Weil die Idiotie der vielen hektischen Pläne sich ja irgendwo niederschlagen muss.

Ich kaufte Stoff am Dienstag, der mir die Idee zu einem gerade geschnittenen Oberteil mit Uboot-Ausschnitt und halblangen Ärmeln gab, die in einer Rüsche enden sollten. Respekt hatte ich vor der Rüsche bzw. davor, wie das wohl an mir – mit knapp 50 und in den letzten Wochen erstaunlich verunsichert – aussehen solle. Dabei entging mir das eigentliche Problem komplett: Gerade geschnitten. Damit hatte ich ja immer schon fantastische Reinfälle erlebt …

Der gekaufte Stoff war nach der Wäsche noch immer steif wie eine dünnere Quiltbaumwolle und seltsam kratzig. Der Schnitt gezeichnet und ich verbissen-entschlossen. Ein seit langem liegender petrol-weiß gestreifter Baumwollstoff warf sich mir in die Arme und versprach mir alles, was ich mir erträumte. Erst beim Nähen fiel mir so recht auf, welch ein Hochstapler er war, denn viel weicher und fließender als der ursprüngliche Kandidat war er nicht. Was den Rüschen recht war.

Natürlich wollten die Armkugeln so gar nicht in die Armlöcher passen, natürlich wollte der Stoff knittern, natürlich ging das Garn aus und die Nerven gleich mit und natürlich wollte ich bei der Anprobe stumm hinten über kippen oder heulend nach vorne. Nicht wegen der Rüschen, die fand ich erstaunlich erwachsen. Aber der Körper?

Es spannte am Bauch, obwohl rundum viel Platz war; der Stoff wollte dort verweilen und klebte sich fest. Ein trauriger Anblick war das. Ich spielte also mit der Länge herum, wünschte vergeblich, ich hätte eine leichte Trapezform gewählt und schwor jeglichem Süß- und Leckerkram auf ewig ab. (Die Ewigkeit lief dann übrigens vorgestern ab – sie beträgt exakt 23 h 17 min und 47 sec) Ich wühlte mich durch die Reste des Stoffes und kam auf die wirklich großartige, einmalige, unschlagbare, fantastische Idee, die nötige Weite durch eine weitere Rüsche am Bauch zu sorgen. Mit viel Liebe und Sorgfalt schnitt ich eine längsgestreifte Rüsche zu, säumte sie, raffte sie und fand sie sehr gelungen. Weshalb ich sehr sorglos die Bluse auf Bauchhöhe kürzte und die Rüsche ansteppte. In der Tat wirkte es auf der Puppe sehr modern und nahezu cool. Welch eine gute Idee.

Ich kochte das Mittagsmahl für die Brut, ruhte mich ein wenig aus – nächtlichen Schlaf kenne ich kaum noch in den letzten Wochen – und warf mich dann in die so wunderbar gerettete und aufgepimpte Bluse. Vielleicht erinnert sich die eine oder andere an Fantasia, den Disneyfilm? An die entzückenden Nilpferddamen vom Ballett? Weshalb sie mir wohl in den Sinn kamen? Hmmm ….

Die Rüsche wollte sich nicht der Schwerkraft beugen, sie stand quer und wippte um mich herum. Ich drückte sie nach unten, fand, dass sie dann doch gut aussehen könne, bügelte wie eine Wahnsinnige und zog zuletzt ein Gummiband in den Saum. Nun blieb sie unten und fältelte sich gar gehorsam und, es ist kaum zu glauben, das sah auch noch gut aus. Doch beim ersten Schritt rutschte das Gummi hoch und höher. Es war hoffnungslos. Also wieder runter damit und grübeln, wie ich die nun fehlende Länge wieder dran bekäme. Kurze Antwort: Gar nicht, da kam nicht mehr genug an Stoff zusammen.

Mutig trug ich sie heute dennoch und auf den Bildern fällt mir auch auf, wie unschön die Ärmel eingesetzt sind. Und wie sehr Baumwolle an Jerseyhemdchen klebt. Was vielleicht gut aussähe, das wäre ein hochgeschnittener Faltenrock, etwas ganz schlichtes. Oder vielleicht einer mit Passe und einer geraden, gerafften Rockbahn. Mit Jeans sah es vorm Spiegel und in den Augen der anwesenden Jungs und Männer gut aus, auf den Bildern eher nicht.

Jetzt habe ich mir das von der Seele geschrieben, stelle fest, dass ich mir ein Kleid mit diesen Ärmeln wünsche und dass ich dringend den Bunkaschnitt neu aufstellen muss. Jetzt schaut ihr euch einfach die Hunde an und das blühende Tal, durch das wir täglich laufen.

 

 

Der kleine Sohn – der Tom – gab sich viel Mühe mit den Bildern und produzierte Serienaufnahmen en gros. Von 120 Bildern habe ich zumindest 111 ruiniert.

 

 

Das halten beider Hunde half auch nicht, dient aber als Ausrede. Sobald ein anderer Hund in Sicht kommt, tickt der Kleine aus. Die Trainerin, der ich oft begegne, ist zuversichtlich, dass ich das wegbekommen werde, aber Geduld müsse ich schon haben. Ist ja meine Stärke, das Ding mit der guten Weile …

 

 

Sicherlich fiele die Bluse etwas günstiger, hätte ich kein Top darunter getragen. Ich hätte aber ungünstiger frieren müssen im Schatten – bei 18 Grad um 10:00 Uhr gehe ich noch nicht bauchfrei. Aber so eine Art Bauernrock mit hoher Taille könnte vielleicht gut zur Bluse passen, oder?

Aber egal, egal – die Sonne scheint und zwei Hunde sind absolutes Glück!

Wieder einmal ein Zelt. In himmelblau. Mit Sonne!

Dass ich eine gewiße Vorliebe für weite Kleider und im besonderen Zeltkleider habe, habe ich 2015 und 2016 schon gezeigt. Ich finde ja, dass diese Kleider erstaunlich viel Figur zeigen, dafür, dass sie der Taille nicht nahe kommen; wir könnten nun darüber diskutieren, ob und weshalb das so ist. Wir können es auch lassen.

Nun hatte ich seit etwa zwei Jahren einen Stoff im Lager, den ich online bestellte und der sich als erstaunlich anders heraus stellte: In der Beschreibung war er eine Woll-Poly-Mischung mit leichter Struktur, graublau, leicht und fließend. Im Paket verwandelte er sich in ein recht kräftiges Himmelblau mit sehr deutlicher Struktur, dabei eher steif und starr und alles andere als dünn. Immer wieder packte ich ihn von links nach rechts, von oben nach unten, überlegte, was daraus wohl werden könne. Für einen Frühjahrsmantel waren die zwei Meter nicht ausreichend, für einen Blazer fand ich ihn nicht beweglich genug und die Farbe war alles andere als kombinationsfreudig.

Vor drei Wochen dann war ich so ärgerlich auf diesen Stoff, der mir Platz wegnahm, dass ich ihn heraus nahm und an ihm herum zupfte, in der Hoffnung auf plötzliche Inspiration. Kam nicht. Also ging ich es logisch an – ein ganz neues Vorgehen hier im Hause. Im Ausschlußverfahren kam ich darauf, er könne nichts anderes als ein weites Kleid mit halblangen Ärmeln werden und von da aus entstand dann das hier:

 

 

Was letzten Endes daraus wurde, entwickelte sich Schritt für Schritt – wenn ein Stoff das Herz nicht erobert hat, ist das Experimentieren erleichternd und leicht. Aber erst einmal zupfe ich das Kleid wieder zurecht, damit die Falte gerade sitzt. Oder nein, erst einmal zeige ich, dass da eine riesige Falte ist:

 

 

Der Grundschnitt ist der Bunkaschnitt, den ich immer verwende, wenn die Kleidung eher locker sitzen soll – der Pepin-Block ist deutlich figurnäher und ich denke, vom Endergebnis aus lässt sich auch immer gut erkennen, welchen von beiden ich benutzt habe.
Im ersten Schritt habe ich eine meiner bevorzugten Auschnittformen, eine flache, eckige, eingezeichnet. Der Bunkaschnitt ist von Achsel bis Hüfte gerade und wird je nach Silhouette mit rundum acht Abnähern und einer Seitennahtvertiefung eng angelegt, dazu kommt ein Brustabnäher aus dem Armloch heraus. Um auch dem weiten Kleid noch Form zu geben, habe ich im zweiten Schritt die Seitennaht an der Taille um 2 cm vorne und hinten verschmälert und dann den Brustabnäher (am Rücken den Schulterabnäher) komplett in den Saum gedreht – so fällt das Kleid in der Taille leicht ein und schafft vermutlich den oben genannten Effekt.

 

 

Aber irgendwie erschien mir das zu langweilig und als ich den Schnitt probeweise auf den Stoff legte, stellte ich fest, dass ich trotz halben Ärmels und großer Saumweite noch ein wenig Platz hatte. Und keine Lust, noch mehr Schnitt zu malen. So rutschte ich die VM um satte 12 cm weg vom Stoffbruch. Mir schwebte eine unauffällige Kellerfalte vor. So unauffällig, wie eine himmelblaue Falte in einem Stoff mit Persönlichkeit halt sein kann.
Ruckzuck war ich im Anprobestadium, blickte, noch bevor ich den Spiegel erreicht hatte, an mir herunter und musste lachen: Es war, als schaue ich auf zwei Stahlsäulen hinab, die monumental an mir entlangwallten. Vorm Spiegel sah es nicht viel anders aus – positiv ausgedrückt stand ich in einem Kunstwerk, das die Nichtigkeit der Menschheit ausdrückte. Was tun?
Nur kurz spielte ich mit dem Gedanken, den Stoff und die Falten mit bügelnder Gewalt unter Kontrolle zu bringen, aber eigentlich gefiel mir dieses Eigenleben gut. Und während ich da vor dem Spiegel stand, legte ich meine Linke über die Taille und hatte die Erleuchtung: Ich lasse dem Stoff all seine elementare Kraft und bändige sie nur soweit, dass ich in ihr nicht gar so nichtig erscheinen würde. Über etwa 4 cm an der leicht nach oben versetzten Taille habe ich also die Kellerfalte zu- und an die die darunter liegende Mittelnaht angesteppt.

Und jetzt? Ist es tragbar, mag ich es?

 

 

Ja, ich mag es sogar sehr, wenn ich auch noch nicht sagen kann, wie häufig ich es tragen werde: Ein wärmender Stoff, der luftig absteht, passt nur in eine kleine Temperaturspanne. Aber ich mag die unabsichtliche Mischung zwischen mittelalterlich und 60er-Jahre-Trapez.

 

 

Von hinten ist es übrigens ganz, ganz schlicht:

 

 

Und weil es nicht nur Dienstag ist, sondern ich mit diesem Stoff äußerst kreativ war, trage ich mich gerne beim Creadienstag ein 🙂

68erin trägt was? Natürlich ein bißchen Hippie!

Ich liebe Kleidung und die Beschäftigung mit dem Äußeren immer schon: Als Kind habe ich mich mit Wonne verkleidet. Da ich nicht nur Kind, sondern dazu ein bönnsches Schlüsselkind war, hatte ich zum Einen einen gewißen Fundus bestehend aus meinen Karnevalskostümen, – perücken und -schminken und dem unbewachten Kleiderschrank meiner Mutter zur Verfügung und zum Anderen hatte ich viel Zeit ohne Eltern zu Hause. Ich war Prinzessin samt Ross (erst das Bügelbrett, später die Wäschetruhe), die Prinzen befreite, war Indianerin mit Silberbüchse oder mit der besten Freundin ein Engel für Charlie. Am Tag zog ich mich etwa sechs bis acht Mal um, blätterte zwischendurch in Zeitschriften und Büchern, schaute beim Fernsehen schon früh auf Krinolinen, Petticoats, Jeans und Knotenblüschen und baute sie mit meinen Mitteln nach – ein Plumeau ließ sich mit Gürteln um die  Taillen schnallen, darüber drapierte ich Laken und Tagesdecken, steckte sie mit Sicherheitsnadeln zu Turnüren hoch und knotete Blusen meiner Mutter um die Schultern, um ich standesgemäß am Wiener Hof verbeugen zu können. Beispielsweise.

Bis heute ziehe ich mit Kleidung immer auch ein wenig Stimmung, ein wenig Einstellung mit an. Oder konkreter und besser ausgedrückt: Zeigt die ausgewählte Kleidung ein wenig von meinen Vorstellungen, meinen Vorlieben und meiner Persönlichkeit. So gibt es einige Stile, die mich immer schon anzogen:

  • Die Ästhetik der 1920er bis 1950er, die ich einige Jahre sehr exzessiv kopierte.
  • Der Purismus, der meiner 20er begleitete.
  • Die Elemente der aktuellen Mode, die das Zeug zu einer längerfristigen Verweildauer hatten.
  • Das Elegant-Rockige, das ich in meinen 30ern mit Lederhosen, Seidenblusen und teurer Spitzenwäsche neben
  • die Klassik der Gamine im Stile Audrey Hepburns stellte.
  • Die Bohème, der Hippie in mir, der immer nur sehr dezent zum Vorschein kam …

… und zu der es mich immer mal wieder hinzieht, stärker und stärker. Mit dem schwarzgrundigen Kleid kam die Liebe schon zum Tragen und als ich im Dezember letzten Jahres einen ganz ähnlichen Stoff – einen blaugrundigen Viskosetwill mit Blumenmuster – fand, war die Versuchung groß, ihn zum gleichen Kleid zu verabeiten. Doch ein wenig Pinterestschau und Schnittwühlerei später und ich wollte ein Kleid mit hoher Taille. Und so bastelte ich in der letzten Woche daran herum, dieses Mal wieder auf Grundlage des Pepin-Grundschnittes, und das mit nur vagen Vorstellungen. So ist dieses Kleid noch ein wenig brav, aber aufpeppbar. Und es trägt sich sehr schön oder wird sich schön tragen, wenn nur der Lenz endlich eintrifft.

Jedoch: Wie lichtet man ein Empirekleid in dunklem Muster ab, so dass man die hohe Taille auch erkennen kann? Es folgen nun – für diesen Blog zumindest – ungewöhnlich viele Bilder, wie es eher nicht gelingt …

 

 

Versuch 1: Einfach mal schräg hinstellen und auf das Vögelchen warten. Warten. Warten … warten … hmm, hatte ich das nicht – Ah, ja doch! Dann noch einmal:

 

 

Versuch 2: Einfach noch einmal das Selbe und dieses Mal darauf vertrauen, dass die Kamera wirklich knipst. Also lächeln, lächeln, lächeln, bis das Lächeln eintrocknet … ja, sehr hübsch. Man erkennt rein gar nichts von der hohen Taille. Weiter.

 

 

Versuch 3: Raus mit der Hüfte, etwas seitlicher und hey, da war doch noch was? Peace!
Sieht in der Küche aber doch etwas albern aus und so viel Hippie ist ja auch noch nicht erreicht.

 

 

Versuch 4: Ohne Spökes, weiter eingedreht – und hurra, man sieht die Kellerfalte. Aber auch unglaublich viel Enthusiasmus und Freude über das Endergebnis …

 

 

Versuch 5: Im Profil müsste die hohe Linie doch zu sehen sein? Nein? Tja, aber immerhin ein elegischer Blick aus dem Fenster ist drin.

 

 

Versuch 6: Vielleicht sollte ich mich nach rechts wenden? Und genau beobachten, wie sich zwei Katzen an des Hundes Leckerli-Beutel zu schaffen machen? Herrlich kühl-arrogant der Blick – hätte ich nun einen Anzug mit breiten Schultern an, wäre ich zufrieden.

 

 

Versuch 7: Natürlich, wie dumm von mir – dieses Kleid braucht Bewegung! Freiheit, Liebe, Blumen! Aber vielleicht sollte ich mich entscheiden, ob ich knutschen oder über matschige Kuhwiesen laufen will.

 

 

Versuch 8: Wedeln, immer wedeln mit dem Rockteil. Ja, das ist doch viel besser – aber vielleicht auch noch freundlich gucken dabei? Ein bißchen lächeln? Nur ein wenig?

 

 

Versuch 9: Jetzt reicht es, besser wird es nicht mehr, so bleibt das jetzt. Basta! Love and peace!

Puh, da war das Nähen fast schneller erledigt als das Knipsen. Nun bin ich viel zu erschöpft, der Tag zu weit fortgeschritten, als das ich noch etwas zum Schnitt oder zum sehr eigensinnigen Stoff sagen möchte – ich trage mich noch beim Creadienstag ein, hüpfe in die regentaugliche Jeans zurück und erledige noch den Einkauf, der so gar nicht zur Bohème passen will …

 

Ein bißchen Fischer, ein wenig Audrey

Nähend werde ich immer langsamer und langsamer – das mag damit zusammen hängen, dass ich immer weniger gut winzige Aufschriften lesen und dem Lauf der Nähmaschinennadel folgen kann. Oder, was viel schöner klingt, es liegt einfach an der mangelnden Zeit und darab, dass ich somit weniger im Training bin. Ja, es ist eindeutig die Zeit, die ein Problem ist …

Wie immer, wenn ich nicht viel nähe, kaufe ich viel zu viel Stoff und diese Stapel muss ich, will ich abarbeiten. Nun also eine Bluse. Eine Hemdbluse. Die in der ersten Version noch einen Kragen hatte, den ich schlampig schnell nach einer 08/15-Anleitung gezeichnet hatte. Hat sich gerächt. Also ist es nun eine kragenlose, manschettenlose und nahezu knopflose Hemdbluse geworden, die mich ein wenig an norddeutsche Fischerhemden erinnert:

 

 

Und weil das Hemdblüschen so ganz ohne Kragen ein wenig traurig wirkte, spielte ich mit den Stoffresten umher und beschloss, eine Art Schleife auf Höhe der sonst üblichen Brusttaschen anzubringen. Wie immer hätte ich das viel ordentlicher machen sollen, aber wie gesagt: Mir verschwimmen mitunter die Nähte vor den Augen, wenn es um Millimeterarbeit geht.

 

 

Aus dem Hemdschnitt möchte ich in nächster Zeit noch mehr heraus holen: Mit einem vernünftig konstruierten Kragen, mit einem leicht abgeschrägten Halsausschnitt, mit einer Passe auch im vorderen Bereich, vielleicht doch auch mit Taillenabnähern, mit mehr Knöpfen – der Möglichkeiten sind bei diesem simplen Schnitt ja viele.

 

 

Dieses Mal habe ich dem Rückenteil eine Kellerfalte von insgesamt 12 cm Mehrweite spendiert. Das gefällt mir zwar sehr gut, lässt mich aber nicht gut testen, ob der Schnitt mit Abnähern nicht doch zu eng an der Hüfte wird. Und für Probemodelle habe ich mittlerweile gar keine Zeit mehr, was verblüffend ist: Früher, als die Jungs noch klein waren, nahm ich immer an, dass ich unglaublich viel Zeit für Haus und Haar und Haut und halles handeres haben würde, wenn sie erst einmal in der weiterführenden Schule sein würden. Erstaunlicherweise sieht die Realität anders aus, aber tiefergehende Gedanken über unser Schulwesen mache ich mir ein anderes Mal.

Weniger Zeit ist natürlich nicht nur den Kindern geschuldet, sondern auch den Tieren, die ebenfalls ihr Recht auf Nähe und Schmusen fordern. Und auch das verhasste Fotografieren ist dank der drei vierbeinigen Lebenwesen nicht leichter oder zeiteffizienter geworden. So sieht das nämlich aus, wenn ich mein Stativ aufbaue:

 

Die Küche ist der einzige Raum, in den Maxi nur zögerlich eintritt und mit sehr viel Respekt. Ganz besonders, wenn eine der Katzen schon dort ist. Richtig schlimm ist es, wenn er zwar in meiner Nähe sein will, aber ein garstiger Sturm ums Haus und durch den Dunstabzug lärmt – vor starkem Wind fürchtet er sich nämlich richtig. Da gab es dann ein Extraleckerchen für ihn:

 

 

Er verschwand dann doch lieber in seinem Boot, was Momo dazu nutzte, mein Haargummi über den Boden zu scheuchen, es unter dem Kühlschrank zu verstauen und mir auf den Arm zu hüpfen.

 

 

Viel hübscher kann die Hemdbluse nicht präsentiert werden als mit Momo auf dem Arm. Die natürlich sofort wieder runter wollte, als Minusch in der Tür auftauchte – das war der Moment, an dem ich aufgab:  Die neuen Ballerinen hatte ich lang genug eingelaufen, Maxi brauchte seinen zweiten Spaziergang und überhaupt hatte ich noch so viel vor an diesem Tag. Nichts davon ist bislang wirklich geschafft. Erst beim Sichten der Bilder gerade eben fiel mir auf, dass Hose und Schuhe dem eh schon femininen Fischerhemd noch einen Minihauch von Audrey verleihen. Kann so bleiben, denke ich …

Und obwohl es hier ganz viele Tiere gibt, genäht habe ich nur für mich und deshalb qualifiziert sich die störrische Hemdbluse für den RUMS.