Fadenlauf nutzen am Rockteil

Das Thema kam in den letzten Tage einige Male auf: wie der Fadenlauf für unterschiedliche Effekte und Silhouetten genutzt werden kann. Das folgende Bild ist eine Seite aus dem Buch Pattern Making by the Flat-Pattern Method von Norma R. Hollen:

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So faul ich meist bin: eigentlich mag ich nach außen wippende Rocksäume nicht, weswegen ich beim gestrigen Kleid die Mittelnaht durch das Muster hindurch in Kauf genommen habe. Hätte ich nun die Kamera nicht auf Bauchhöhe platziert, dann hätte man auch schön sehen können, wieviel schmäler der Rock fällt verglichen mit dem Langeweile-Kleid, bei dem der Fadenlauf in den VM liegt.

Viel Spaß beim Spielen 🙂

Nunja, vielleicht ein Quasi-Weihnachtskleid?

Nach langer – gefühlt sehr langer Zeit – einmal wieder etwas Genähtes, ein Kleid gar. Und eines mit deutlichen Vintageakzenten. Für Kleider der kalten Jahreszeiten eigentlich das einzig wahre: enge Taille, hochgeschlossen, längere Ärmel. Mit einem luftigen Sack wäre ich nicht glücklich.

Weshalb ein Quasi-Weihnachtskleid? Weil ich von einem Tag auf den anderen Lust hatte, eines meiner ersten selbstkonstruierten Kleider zu kopieren. Wer hier schon sehr lange vorbeischaut, mag sich erinnern: mein ultimatives Weihnachtskleid war es und mittlerweile ist das schon fünf Jahre her. Das Kleid hat ein neues Zuhause gefunden, weil es mir deutlich zu eng wurde. Das Neue hingegen ist am Rippenbogen minimal zu weit; etwas wirklich körpernahes habe ich lange nicht konstruiert und ich war entsetzt, wie lange ich an dem Schnitt saß: satte fünf Stunden! Ich werde alt, ganz offenbar. Sooo lange brauchte ich vorher gewiß nie …

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Der Stoff ist eine leider sehr knitterlustige Viskose, aber weich und gut zu verarbeiten. Die Farbe ist leider nicht ganz meine; ein etwas zu warmes Ziegelrot hat sich eingeschlichen, weil es türkise und nebenweiße Blumen mitbrachte. Die Kombination dieser Farben macht den Stoff eigentlich für niemanden zum hundertprozentig passenden und so habe ich mich erbarmt, zumal der Gesamteffekt tz sanft-gedämpft, latent kühl ist, dass ich mit Make up noch ganz gut davon komme. Aber unbedingt musste ich einen solchen Stoff haben und fand nun lange nichts. So und damit sieht er also jetzt gut aus an mir, basta!

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Max, der entzückende, musste natürlich mit rein in Küche und Bild, obwohl ihm sowohl der Blitz als auch das Piepsen und Klicken der Kamera Angst machte. Aber ich hatte es in der Stunde zuvor gewagt, ihn alleine zu lassen und das mag er immer weniger. Als ich am Samstagabend mit einer Freundin für vier Stunden aus war, begrüßte er mich eine Viertelstunde lang sehr ausgiebig und euphorisch. Er hat mir auch heute morgen zu verstehen gegeben, dass jedes Verlassen des Hause meinerseits nur in seiner Begleitung zu geschehen hat.

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Das Kleid ist komplett gefüttert, vom Rock bis zum Ärmelbündchen. Zum Einen, um den Ärmeln den gewünschten Fall zu geben – der Futterärmel ist eng und etwa 4 cm kürzer, so dass der 3/4-Bischofsärmel nicht schlapp herunterhängt. Das Oberteil ist übrigens mit Wirkfutter, der Rock mit Viskoseacetat gedoppelt. So schön der Acetat auch fallen und sich verarbeiten lassen mag, so eisekalt ist er auch. Wenn ich ein Kleid schon füttere, dann bitte so kuschelig wie möglich.

Der Rock ist in vier Bahnen unterteilt, obwohl das Muster so noch einmal durchschnitten wird. Der Grund ist der gewünschte Fall: ich wollte die Falten in der Mitte haben und den Rock so schmal wie möglich fallen lassen. Dazu muss der Fadenlauf in der Seitennaht liegen. Das hat wie gewünscht funktioniert, doch wie immer bin ich nicht in der Lage, diesen Effekt angemessen fotografisch festzuhalten. Überhaupt ist das Kleid natürlich viel schöner als hier zu sehen – schon, weil es eben endlich wieder einmal ein Kleid geworden ist …

Falls Interesse an der Schnittaufstellung besteht, sagt Bescheid. Und weil ich das noch nie gemacht habe, die Welt so grau ist und Gemeinschaft tröstlich ist, trage ich mich heute einmal in einer Linkliste ein – hier beim Creadienstag.

Wirklichkeiten

Als ich, durchfroren aus dem Regen kommend, durch den ich dank des Hundes, der nach regelmäßigem Auslauf verlangt, hindurch musste, das montägliche Haushaltschaos, welches dem gemütlich im Kreise der Familie verbrachten Wochenende geschuldetet war, betrachtete, das ich zu ordnen gedachte, empfand ich zu eben dieser Tätigkeit eine gewiße Unlust, dank derer ich mir ein Brötchen aufbuk, es belegte und mit zum Sofa nahm, auf welches ich mich niederließ, um mein petit déjeuner zu verspeisen, während ich das Fenster zur Welt öffnete, um mich an den Gedanken meiner Mitmenschen zu erlaben.

Dieser Satz diene als Beweis: nicht nur Thomas Mann kann lange und epische Sätze verfassen. Ich kann das auch. Nachdem das endlich geklärt ist, und es waren Jahre, in denen uns diese Frage, ob es möglich sei, Mann’sche Sätze in die Gegenwart zu ziehen, quälte, komme ich zum eigentlichen Grund dieses Aufsatzes. Nicht schlagen, ich höre schon auf! Also …

Beim Hopphopp-Frühstück las ich Lenas Kommentar zum Ambivalenzkleid:

Mir gefällt das Kleid so wie es ist! Ich finde auch Gürtel und Schuhe passen wunderbar dazu 😉

„Hmm,“ so dachte ich bei mir (weil ich ja, s.o., heute sehr viel denke), “ ist es nicht gar seltsam, dass ein und dasselbe Kleidungsstück an ein und derselben Frau eben soviele unterschiedliche Meinungen hervorruft, wie es Kommentare gibt?“ Denn ob hier oder auf Fb – eine jede hatte eine andere Idee dazu. Manchen gefiel es gut, wenn es nur ein wenig kürzer oder ein wenig tiefer ausgeschnitten wäre. Oder ohne Gürtel, dafür mit Stiefeln kombiniert würde. Oder deutlich länger, vielleicht mit Rüschen oder mehr Schmuck. Am besten sähe es vielleicht an einer anderen aus oder in der Tonne. Und Lena eben gefiel es so, wie es ist.

Wo will ich damit hin? Ich könnte wieder einmal darüber lamentieren, dass Fotos eben nicht die Wirklichkeit ablichten, sondern sie in ein flaches Bild verwandeln – also wahrhaftig abflachen, verziehen und verzerren und farblich dazu noch lügen. Fotos geben eine Ahnung von dem, was ist, doch nicht die Wahrheit. Da will ich aber nicht hin.

Ich könnte auch gar trefflich darüber philosophieren, in welch mißlicher Lage ich mich befände, ginge mein Streben danach, es jeder Leserin und Kommentatorin, ja überhaupt allen rechtmachen zu wollen. Wie könnte ich das Kleid kürzen und es dennoch mit einer bodenlangen Rüsche versehen, wie es zugleich bis zum Bauchnabel schlitzen und dabei viktorianischer erscheinen lassen, wie es verbannen und dennoch tragen? Wäre ich „Profi“-Blogger, hätte also ein wachsames Auge auf Werbekunden und Leser-, nein Gefolgschaft, so hätte ich am Ende des letzten Beitrages wohl fragen müssen, was ihr so davon haltet, von dem Kleid und überhaupt und sowieso  – und hätte die Antworten entweder nonchalant ignoriert oder einen zweiten Beitrag hinterhergeschoben mit einer Abstimmung in der Art von „Kürzen – Rüsche dran – in die Tonne“ und so noch einen dritten Beitrag aus dem kleinen Kleid heraus gequetscht, in dem ich das berüscht-gekürzte Kleid in der gesponserten Tonne zeige. Aber auch dort will ich nicht hin.

Worüber ich in der Tat nachdachte (ja, es ist der Tag der großen Gedanken, im Augenblick denke ich, dass es unglaublich spät geworden ist und die Treppen noch immer nicht gefegt sind, aber DA will ich erst recht nicht hin) ist der Fakt, dass Frauen unterschiedlich sind, aussehen, ticken, gucken, denken und sich äußern. Jaja, das wird uns von den einschlägigen Magazinen und Onlinejournalen auch immer gesagt: „Ihr seid so einzigartig und unterschiedlich, hurra, jubel, jubel, und ihr seid alle besonders und schön und individuell, finden wir ganz klasse, aber noch schöner wäret ihr ja, wenn ihr ein bißchen weniger besonders wäret.“ Am Ende werden wir immer wieder aufgefordert, uns zu vergleichen, unsere Problemzonen (es fällt mir schwer, diese Vokabel unkommentiert zu lassen) auszugleichen und uns letzten Endes anzugleichen. Vergleichen – ausgleichen – angleichen. Das Mantra der Zeit an die Frau. All das fiel mir ein, als ich innerhalb dreier Sekunden deinen Kommentar las, liebe Lena.

Und mittlerweile dürfte dir, liebe Leserin, klar geworden sein, dass das hier lang wird – ich selbst sehe gerade schwarz für meine Haushaltschaosbeseitungspläne – und das weitere Lesen nur mit Kaffee, Keks und Kissen zu überstehen ist. Ach, wer weiß, vielleicht bin ich auch gleich fertig, nur nie die Hoffnung aufgeben.

Als ich im letzten Jahr meinen Stil änderte – was hier im Blog vermutlich radikaler und plötzlicher erschien, als es in Wirklichkeit geschah – erhielt ich Kommentare und Mails, die das entweder sehr entschieden lobten oder ebenso entschieden betrauerten. Von manchen Linklisten wurde ich gestrichen, auf anderen tauchte ich auf. Dabei ging es nur vordergründig um Vintage oder modern: während manche vor allem den Stil sahen oder eben nicht mehr sahen, gab es andere, die persönlicher wurden – und ich gebe zu, dass ich manche Aussage als übergriffig empfand, weil ein anderes Schönheitsbild, ein anderes Weltbild dahinter stand, als es mein eigenes ist. Es ist der alte Unterschied, ob ich von langen Beinen oder einem kurzen Oberkörper spreche. Ob ich vor allem nicht-genormtes wahrnehme und ändern will oder ob ich das Gesamtbild wichtiger finde. Ja, ich weiß, das klingt irgendwie nebulös, kryptisch und ungenau. Also versuche ich es konkreter und dabei geht es nur beispielhaft um mich; mir geht es um Frauen und ihre individuelle Schönheit überhaupt.

Mein ästhetisches Empfinden war immer schon angezogen von der Kleidung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (drei Genitive hintereinander, eieieiei). Während alles von 1900-1920 aus Gründen der Beweglichkeit ausschied, boten sich die 20er-40er schon deshalb für eine Neuinterpretation an, weil in diesen Jahren die weibliche Kleidung, wie wir sie heute kennen, geboren wurde: weite Hosen, knielange Röcke, Strickpullis, Hemdblusen, Trenchcoats, Jackets – alles hat seinen Ursprung in jenen Jahren. Die Silhouetten war weiblich, alltagstauglich und elegant zugleich. Und da Mode in früheren Jahrzehnten tyrannisch waren, trugen alle Frauen, also alle Figuren, zumindest ähnliches. Nur weil eine nicht die schmalen Hüften oder die langen Beine der Modezeichnungen hatte, hieß das noch nicht, dass sie den kleinen Pulli nicht trug – es blieb ihr gar nichts anderes übrig, wollte sie nicht nackt und bloß gehen. Und mit genau diesen Gedanken ging ich auch an die Verwirklichung meiner eigenen Vintagegarderobe: weshalb sollte ich mir dieses oder jenes verbieten und verwehren, nur weil mein von der Natur gegebenenes Becken breiter war als das manch anderer Frau? Weshalb sollte ich deswegen meine schmale Taille, die wiederum manch andere vielleicht gerne gehabt hätte, umspielen? Wieso, weshalb, warum sollte ich nicht einfach tragen dürfen, was mir im Gesamtbild – auch an mir selbst! – gut gefiel, nur weil damit etwas betont wurde, was als Makel galt und gilt? Weshalb sollte ich das von anderen Frauen erwarten? Weshalb muss das dicke Mädchen ständig mit aufgeknöpftem Decollete erscheinen, nur weil ihr eingeredet wird, dass diese Partie das einzig Schöne an ihr sei? Weshalb muss die Dünne sich in gepolsterte Daunen hüllen, damit andere sich nicht an ihren spitzen Ellebogen stoßen?

Natürlich blieb ich auch nicht unberührt, wenn immer mal wieder jemand meinte sagen zu müssen, dass ja also gerade dieses Outfit, dieses ganze Vintagezeugs so gar nichts für mich und meine Hüften sei und dass das meinen kurzen Oberkörper noch weiter quetschen würde und dass das alles grundfalsch sei. Es gab dann Teile, in denen ich mich nicht mehr so recht wohlfühlte, bis eine Freundin vielleicht genau darüber in Begeisterung ausbrach, weil wow, was hast du Kurven, oh, das ist soo weiblich, mönsch, was ist das toll an dir. Und beide hatten recht, nur sind die Blickwinkel, das, was ihnen selbst wichtig ist, unterschiedlich. Für die Freundin oder den Gatten waren meine Hüften kein Schönheitsfehler, sondern schlicht schön und was könnte schöner sein, als das Schöne zu betonen. Für die Kritikerin waren sie eben nicht schön, sie störten ihre Ästhetik, ihren Blick auf mich – genau das ist auch, was die klassische Stilberatung ausmacht, was Grundlage all der Frauenjournale und Onlinemagazine ist. Wieder das Vergleichen – Ausgleichen – Angleichen. Wir hatten darüber schon einmal beim wunderbaren Kleiderschrank gesprochen und statt meiner Hüften boten sich Lotties schöne, starke Schultern zum Beispiel an. Wenn wir alles tun, um unsere Körper mit seinen Proportionen in eine einzige Schablone zu quetschen – Sanduhr: Schultern, Busen und Hüften in etwa gleich breit, Taille deutlich, dazu aber bitte schlanke Arme und Beine, nicht zu lang, nicht zu kurz, Busen groß, aber nicht gewöhnlich, Hals zart und nicht zu lang, etc. etc. – dann können wir nicht zeitgleich für mehr Vielfalt in der Schönheit sorgen. All das Gerede von Einzigartigkeit und Besonderheit und Individualismus: für die Katz, wenn wir immer nur daran arbeiten, unsere Schultern zu polstern oder zu verbergen und Busen kleiner oder größer zu quetschen.

Ja, holla, ich bin doch ein wenig weiter vom ursprünglichen Weg abgekommen, ich ärgere mich mal wieder vor mich hin. Dazu habe ich heute morgen vor dem Gang in das nasse Draußen noch in für mich fremde Blogs geschaut, die unglaublich viel von all diesen Stilregeln halten, tendenziell belehrend dozieren und es fertig bringen, zeitgleich Ausrufezeichen en masse zu verstreuen und dennoch behaupten, viel für Wohlbefinden und Schönheit und INDIVIDUALISMUS zu tun. In all meinem Zynismus erwächst in mir der leise Verdacht – genährt durch viele Quellen – ich sei am Ende doch ein naives Lämmchen, das einfach nicht glauben will, was so offensichtlich wahr sein muss: der Mensch will starre Regeln und wir Frauen noch viel mehr. Wir wollen partout eingeengt und eingeschränkt sein, wollen von anderen gesagt bekommen, was wir wann wie und wo zu tragen oder nicht zu tragen haben. Und nur ihr und ich, wir kleines unbeugsames Grüppchen, wir stellen uns gegen die Heerscharen des Cäsars und haben Angst, dass uns der Himmel auf den Kopf … ach nein, das ist eine andere Geschichte.

Nun hat dieser unbedingte Freiheitswille, mein ganz persönlicher Wunsch, dass alle Frauen sich schön fühlen mögen und durch dieses wunderbar-warme Gefühl zu besseren Menschen werden, die auch allen anderen nur das Beste wünschen (wow, dieser Zynismus ist wahrlich triefend – mäh, mäh, mäh, ich bin doch ein Lämmchen), nun das alles hat auch eine Kehrseite. Die sich immer dann zeigt, wenn ICH auf ein Bild oder eine Wirklichkeit draußen auf der Straße treffe, die meinem ästhetischen Empfinden zuwider laufen. Bin ich also eine Heuchlerin, so frage ich mich selbst gequält? Sollte sie nicht anziehen dürfen, was sie mag? Bin ich denn nicht verpflichtet, sie darin schön zu finden und ihr Lob auszusprechen? Eines, das nicht in so zweischneidigen Aussagen gipfelt wie „Na du kannst das ja tragen …!“? Ein moralisches Dilemma, zumal ich ja bei Farbberatungen auch durchaus einmal in die Stilberatung hineinrutschte. Tja, da habt ihr mich erwischt, oder? Kann es etwa sein, dass auch ich, die Frauen grundsätzlich wohlgesinnt und ihnen gegenüber neidfrei ist, am Monitor sitze, mit Entsetzen in den Augen und hysterischem Lachen in der Kehle? Rufe auch ich einmal aus, dass das dort vor mir scheußlich ist, grauenvoll und unfassbar? Zweifele ich anderer Frauen Geschmack etwa auch mal an?

Öhm. Ja. Kommt vor.

„Das Publikum stöhnt entsetzt auf, die hintere Reihe strömt dem Notausgang zu, Rufe werden laut, Tomaten fliegen“

Selten zwar, aber dann kurz und heftig. Und dann schaue ich mir das Ganze genauer an. Oft komme ich zur Erkenntnis, dass es eben nicht die Figur der Trägerin ist, sondern die Aussage der Kleidung, die so gar nicht zur – von mir so wahrgenommenen! – Persönlichkeit der Trägerin passt. Vielleicht ist es die Farbe, die der Trägerin den Krieg erklärt hat, vielleicht ist es einfach eine Zusammenstellung, die mich nervös und unruhig macht. Aber nie ist es die Frau selbst, der ich vorwerfe, sich nicht angemessen „ausgeglichen“ zu haben. Ganz klar, es gibt Kleidung, in der wir toll aussehen und andere, die das nicht schafft und natürlich streben wir nach der Kleidung, die uns schön macht. Doch da Schönheit im Auge des Betrachters entsteht, ist das eben unterschiedlich. Wenn eine Frau ihren kleinen Busen sehr mag und betont, dass dort eben nichts wogt und bebt, dann findet sie sich schön. Diejenige aber, die viel Busen für das einzig Wahre hält, wird nichts Schönes sehen und ihr raten, doch mal ein wenig mehr Watte zu verwenden oder lieber ihren Po zu betonen, da wäre wenigstens was dran.

Wenn wir ernsthaft erreichen wollen, nicht mehr nur ein Schönheitsideal zu sehen, dann müssen wir offener werden, uns von engen Regeln verabschieden und neue Regeln erstellen, die uns mehr erlauben. Regeln, die mehr Empathie verlangen, Regeln, die uns die Wahl zwischen verbergen und betonen lassen, Regeln, die ohne Ausrufezeichen auskommen. Ein Kleidungsstück, das die Figur zeigt, wie sie ist, sollten wir nicht als entstellend wahrnehmen, nur weil es eine Besonderheit NICHT verbirgt. Ein Kleidungsstück, das uns so aussehen lässt, wie wir aussehen wollen, hat seine Berechtigung. Nur ein Kleidungsstück, das unseren Körper zu etwas macht, was wir  nicht sind und nicht sein wollen – das gehört in die Tonne. Wieder nebulös, nicht wahr? Nochmal konkret:

Ein Kleid, das die Figur umspielt und zeigt, wo Bauch und Po, Busen und Hüfte sind, auch wenn die Hüfte schmal, der Bauch rund ist – weshalb sollte das nicht schön sein, wenn wir zu dem stehen, was wir so haben?

Ein Kleid, das die gleiche Figur ein wenig formt, weil ich eben meinen Bauch nicht so sichtbar präsentieren will, das mit dem Ausschnitt den Blick lenkt oder mit dem Schnitt den Po hebt – wenn ich genau das will und mich darin stark und schön und sicher fühle, dann ist es ein perfektes Kleid.

Ein Kleid, das den Körper einschnürt und verformt, den Busen wegdrückt und den Bauchnabel abzeichnet, das mich quetscht und das verrutscht und Dellen formt, die es nicht gibt – das macht jede und immer häßlich. Hinfort mit dem Miststück.

Das sind meine Regeln: alles, was mich schöner macht, alles, was die Wahrheit zeigt, darf bleiben. Alles, was mich entstellt, fliegt raus. Aber schaue ich mir Zeitschriften an (und ich habe zu Recherchezwecken über den Sommer viele, viele gelesen), dann zählt nur das Verschönern, denn so, wie wir sind, sind wir niemals gut genug, es gibt immer was zu tun. Ich habe das gründlich satt. Können wir nun bitte endlich auf die Barrikaden gehen?

 

Zu schlicht, zu unentschieden, zu langweilig

Das Jahr ist noch jung, aber ich muss sagen: es ist nähtechnisch das mieseste Jahr überhaupt; eindeutig mehr Mißerfolge als Hurras. Aus den unterschiedlichsten Gründen: halbherzig Begonnenes, Stoffe, die sich als nicht waschbar erwiesen, Denkfehler der dümmsten Art und dazu wenig Zeit und keine Lust, die Grundschnitte dem Gewichtsverlust anzupassen. Und irgendwie sind ständig Schulferien … jetzt mal gerade nicht, aber wir steuern geradewegs auf die Weihnachtsferien zu. Hach, seufz.

Entsprechend wenig habe ich gezeigt. Wenn ich auch mit Wonne die Mißerfolge zu zeigen pflegte, so wenig mochte ich die Knipserei und mich für Unschönes noch weiter zu quälen, danach war mir in diesem Jahr nur selten. Denn 2016 ist ja in vielerlei Hinsicht ein annus horribilis. Ich bemühe mich, mich auf das positive zu konzentrieren: tolle Sommerferien an der Nordsee, wo ich mich zuhause fühle, ein Angebot, das ich annahm, obwohl es mich noch mehr Zeit und Nerven kostete, die Aufstockung des heimischen Tierbestandes, das weniger große Kind auf meinem alten Gymnasium in meiner alten Klasse, viele tolle Frühstückchen mit Hund und Gatte ohne Kinder und viele neue nette Bekannte ebenfalls dank Hund und Schule. Es ist sicherlich egoistisch und kurzsichtig, diese Dinge über die allgemeine Entwicklung der Welt zu stellen, aber letztenendes – noch nie habe ich ein so starkes Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit empfunden. Nicht einmal während der weltpolitisch grauen 80er-Jahre. Doch damals war alles drumherum bunt und optimistisch, man war sich in seiner Fassungslosigkeit gegenüber dem Wahnsinn einig. Heute … all wir guten Menschen haben einen Nachteil: uns machen Hass und Hetze krank und mürbe, während Rassisten, Nationalisten, Islamisten – und was es sonst an -isten so gibt – sich davon nähren und aufblühen, je gräßlicher sich die Menschheit verhält. Nun, in den nächsten Tagen werden wir sehen, welche Saat aufgeht.

ABER da wollte ich gar nicht hin, entschuldigt. Eigentlich wollte ich zum Kleid, das ich ausprobieren wollte und mich dabei gründlich vertan habe. Viel zu unentschlossen bin ich an die nötige Weite für Ärmel und Oberteil gegangen, viel zu schlicht ist der Schnitt und viel zu halbherzig (wieder einmal) ging ich an Konstruktion und Näherei. Mir schwebte ein weiteres Hippiekleid vor, höher geschlossen und mit weniger Rockweite. Ewig lange suchte ich nach passendem Stoff, Viskose oder Baumwolle, der weich-flanellig sein dürfte und irgendwie wild gemustert. Bei Karstadt fand ich eine kirschrote Viskose mit gelben, weißen und dunkelblauen Paisleys. Obwohl ambivalent, kaufte ich ihn – entweder es wird Bohème oder Sofakissen. Und bei so viel Musterei blieb der Schnitt ruhig. Viel zu ruhig, eigentlich hätte ich in die Vollen gehen müssen mit weiten Ärmeln, mehr Taille und mehr Weite zugleich, mit Saumrüschen und dem ganzen Tralala. Sollte, hätte, müsste. Aber dann erwies sich der Stoff auch noch als zuschnittbiestig und sowohl verzogen als auch schief bedruckt. Nunja, allzuviel Liebe ist nicht verloren gegangen.

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Ja, der Saum ist nicht fertig und wedelt schief umher – eigentlich ist eine Hälfte des Kleides schief. Verzogen, komplett verzogen.

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Trotz des sehr wilden Musters ist es so unglaublich brav, dieses Kleid. Sehr brav, ich spüre, wie ich zahm und sanft und gehorsam werde, wenn es mich umhüllt – ihr seht es auch.

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Und kein Stiefel, kein Schuh, kein nichts will so recht dazu passen. Verzogen und nicht kompromissbereit das Ding. Außerdem ist es nun schon so kalt, dass mir ein Kleid auch zu Hause nicht mehr reicht – Fazit daher:

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Aber es war den Versuch wert. Irgendwie. Glaube ich. Nur: ich will Kleider nähen. Obwohl ich friere und gar nicht mehr so recht weiß, was ich an mir sehen mag. Albern, höchst albern.

Schönheit: Marie Antoinette – von Paris nach Versailles

Versailles, das Schloß, seine Gärten und Parks sind Pracht, Perfektion und Pomp. Sein Hof ist frivol, bigott, geistreich: ein Bonmot zählt mehr als Freundschaft, Affären sind prickelnder Zeitvertreib und Spiel mit dem Feuer – manchmal treffen Hohn und Spott die Betrügenden, machmal den Betrogenen und zerstören Karriere und Fortkommen. Doch was an der Oberfläche spielerisch, unmoralisch erscheint, ist durch ungeschriebene Gesetze streng geregelt; was dem einen recht ist, ist dem anderen noch lange nicht billig. Ein jedes Mitglied dieser Gesellschaft bewegt sich auf seinen unsichtbaren Gleisen, erscheint, wo es zu erscheinen hat, sagt und spricht das zu Erwartende. Alles, wirklich alles, ist geregelt: wer wem den Vortritt lässt, welcher Spaziergang zu welcher Zeit stattfindet, wer wen grüßt und was es bedeutet, wenn das Schönheitspflästerchen links statt rechts getragen wird. Klatsch und Tratsch, Eifersucht und Mißgunst gedeihen unter dem Firnis geschliffener Rhetorik und immer ausgefallenerer Modeexzesse.

Und in dieser Umgebung findet sich die Dauphine Marie Antoinette wieder – die kleine Erzherzogin, die längst all die Ratschläge ihrer Frau Mama vergessen hat und wenig Einsicht in die Handlungsweisen der französischen Aristokratie hat. Die Tafel, an der sie jeden Tag vor Publikum zum Essen Platz nimmt, versammelt keine miteinander schwatzende und liebende Familie. Der Dauphin spricht kaum ein Wort – sowohl die Unmengen an Essen, die er in sich hinein schaufelt, als auch seine Schüchternheit verhindern das. Der König bemüht sich um das junge Mädchen, lässt wohl auch einmal anzügliche Bemerkungen fallen, die seiner Maitresse Gräfin Dubarry gelten.

Madame Dubarry

Madame Dubarry

Die Dubarry ist fröhlich, wenig zurückhaltend und nimmt ihre Aufgabe, Ludwig XV zu unterhalten, sehr ernst. Marie Antoinette ist in ihrer Unschuld reizend und sorgt für verlegenes Gelächter, als sie erklärt, sie wolle der Madame Dubarry Konkurrenz sein und ihren lieben Großpapa eben so gut unterhalten. Ihre Tanten, die unverheirateten Töchter des Königs mit der Sorge, zu wenig be- und geachtet zu werden und einem Haß auf die Dubarry, nehmen die Dauphine gar selbstlos zur Seite und klären sie über die Natur der königlichen Unterhaltung auf. Marie Antoinette ist rechtschaffen empört; eine solch liederliche Frauensperson wäre in der Hofburg undenkbar, unmöglich könne sie Umgang mit ihr haben und so schneidet sie die Dubarry. Die Tanten freuen sich und feuern das junge Mädchen weiter an. Die Dubarry, die tagtäglich gegen die Arroganz der Höflinge ankämpft und ihren Platz sichern will, darf die Dauphine von sich aus nicht ansprechen – mit steigendem Amusement betrachtet der Hof das tägliche Schauspiel einer um Anerkennung bemühten Maitresse und einer zu jungen, zu naiven Prinzessin, die nicht bemerkt, wen sie in Wahrheit brüskiert und verärgert: den König, der ein solches Benehmen nicht duldet, jedoch von der Dauphine ignoriert wird. Der Hof jubelt.

Doch auch Maria Theresia in Wien erfährt durch ihren Botschafter, den treuen Mercy-Argenteau, von dem bald zwei Jahre anhaltendem wortlosen Streit. Es dürfte der Kaiserin nicht leicht gefallen sein, dem politischem Nutzen vor ihrer Moral den Vortritt zu geben und von ihrer Tochter zu verlangen, die Sittenstrenge beiseite zu lassen und der Dubarry endlich den größten Wunsch zu erfüllen – ein freundliches Wort der Dauphine in aller Öffentlichkeit. Ein, zweimal glaubten sich König und Maitresse schon am Ziel; heute würde die Dauphine der Dubarry die Ehre erweisen, doch Antoinettes Stolz und die Tanten sorgten für Enttäuschung.
Endlich muss Marie Antoinette klein beigeben. Unter den gierigen Augen der anwesenden Aristokraten bleibt sie bei der in die Knie sinkenden Gräfin stehen und spricht die Worte, die auch heute noch manch Besucher des Schloßes zitiert: es seien viele Leute heute in Versailles. Sehr deutlich hören die Umstehenden die Überzeugung der Dauphine heraus, es sei wenigstens eine zuviel, doch die Dubarry hat ihr Ziel erreicht.
Marie Antoinette spricht nie wieder mit der Gräfin und vielleicht hat sie nie begriffen, wie viel Schaden dieser kindische Streit angerichtet hat: der König ist ihr gegenüber kühler, die Tanten ob ihres Umfallens entrüstet und erbost und der Hof ist sich einig, dass die Dauphine keine Französin ist und niemals sein wird; so amüsiert sie sind, so sehr empören sie sich über Marie Antoinettes Unwissenheit und nicht-regelkonformes Verhalten.

Marie Antoinette, Dauphine de France

Marie Antoinette, Dauphine de France

Hätte sie es besser wissen können und müssen? Man hatte ihr Madame Noailles zur Seite gestellt, die streng über das Benehmen der Dauphine wachte, ihr Chaperone, Gesellschafsdame und Lehrerin zugleich sein sollte. Ein ältliches Fräulein Rottenmeier ist sie, von der Dauphine spöttisch Madame l’etiquette benannt. Antoinette fühlt sich von Madame Noailles gegängelt wie von all ihren bisherigen Lehrmeistern und macht sich einen Spaß daraus, ihr zu entkommen, sie zu parodieren und weg zu hören, wenn sie ihr die Gesetze des Hofes erklärt. War sie denn noch immer ein Schulmädchen oder die zukünftige Königin? Sollte sie ihr Leben und ihre Stellung nicht geniessen?
Ein Leben, in dem ihr wohl nahezu alle Wünsche an Kleidung, Nahrung und Unterhaltung erfüllt werden, jedoch kein Schritt unbeobachtet bleibt. Was immer sie tut, eine Schar Höflinge ist um sie herum, immer auf der Lauer nach einem Posten, einer Anekdote, einer unbedachten Äußerung. Antoinette fühlt sich eingeschränkt und zeigt im Laufe der Jahre ihre Verachtung für sinnentleertes Protokoll überdeutlich. Ihre Jugend, ihr offenes Wesen und ihr anfangs uneingeschränktes Vertrauen in die Menschen, die ihr nahe stehen und die Wiener Heimat ersetzen sollen, führen dazu, dass sie in Intrigen und Ränkespiele hinein gezogen wird, die sie nicht durchschaut. Ihre Sehnsucht nach Freundschaft lässt sie Zuwendung mit Zuneigung verwechseln; die meisten, die sich ihr nähern, kommen mit selbstsüchtigen Wünschen, die sie freudig gewährt.

Princesse de Lamballe

Princesse de Lamballe

Antoinette begann ihren Alltag mit Vergnügungen zu füllen: von den intriganten Tanten hatte sie sich abgewandt, die ihren Lebenswandel mit Abscheu betrachteten und das ihrige zu Antoinettes Verleumdung beitrugen. Mit ihrer neu gewonnen Freundin Marie Louise de Savignon-Carignan, der Princesse de Lamballe, besucht sie in schlecht getarntem Incognito Bälle in Paris, verspielt Unsummen beim Pharo, engagiert die Kleidermacherin Rose Bertin für immer ausgefallenere Kreationen, amüsiert sich mit ihrem vergnügungssüchtigen Schwager und verlacht all die steifen und alten Hofchargen um sich herum. Bis heute wird ihr Charakter nach diesem Verhalten gewertet – von einem pubertierenden Teenie, der über Nacht zu Reichtum und Ruhm gelangt, kann man wirklich mehr erwarten als Albernheiten und Überschwang! Immerhin ist sie die nächste Königin Frankreichs, dazu Ehefrau und hoffentlich bald Mutter. Zu irgendetwas muss diese Ausländerin doch gut sein!

Marie Antoinette in ihrem Salon

Marie Antoinette in ihrem Salon

Am 10. Mai 1774 starb der einstmals vielgeliebte Louis XV. Aus dem Thronfolgerpaar, 19- und 20jährig, wurden König und Königin. Während das Volk enthusiastisch auf Veränderung hoffte und große Erwartungen an das Paar hatte, war den beiden angst und bange – zu jung seien sie, so habe Antoinette unter Tränen beteuert und Gott um Hilfe angefleht, berichten verschiedene Augenzeugen. Es dauert nicht lange, bis sie den nächsten Fehler begeht und neue Feinde findet: getreu ihrer Aufgabe als Friedensstifterin zwischen Frankreich und Österreich sorgt sie für die Entlassung österreichfeindlicher Regierungsberater. Nicht nur die Tanten nennen sie nun „l’Autrichienne“ – die Österreicherin. Oder „die andere Hündin“, ändert man Schreibweise und Aussprache minimal. Längst ist die Königin an dem Punkt, an dem sie tun und lassen kann, was sie will – immer findet sich jemand, der ihr deswegen gram und feind sein wird. Immer mehr Geschichten und Gerüchte verbreiten sich, auf Wahrheit gründend oder auf Vermutung, zu Lüge und Hetze entstellt.
Vom Gatten erhält sie ein Schlößchen, das Petit Trianon, ein wenig entfernt vom Versailler Palast, um sich dort von Kontrolle und Eitkette zu erholen. Geladen sind nur diejenigen unter den Höflingen, die jung, munter und freundschaftlich mit ihr stehen – sie sieht sich als junge Frau, die ein wenig Zeit mit Freunden verbringt; die nicht Geladenen jedoch sehen die Königin, die beleidigt und demütigt – in ihren Augen ist das Petit Trianon schlimmer als Sodom und Gomorra. Und das Volk, das in immer schlimmeren Verhältnissen existiert, erfährt von unnötiger Verschwendungssucht und ausschweifenden Orgien der Blutsaugerin durch Bildtafeln, die an Deutlichkeit nicht zu mißdeuten sind. Wann endlich ändert sich etwas? Wo bleibt die Hoffnung, die noch an königliche Nachkommenschaft geknüpft ist? Wo bleibt der nächste Dauphin, so fragt auch die Kaiserin aus Wien immer dringlicher.

Dauphin Louis Auguste

Dauphin Louis Auguste

Aber es tat sich nichts. Buchstäblich nichts. Nicht nur, dass Antoinette nicht schwanger wurde, nein, sie war nach Jahren der Ehe noch so unschuldig wie bei ihrer Ankunft. Ludwig, der muffig-schweigsame, etwas plumpe und gehemmte junge Mann, fühlte sich in der Gegenwart seiner Gattin noch gehemmter und unsicherer; die Tändeleien und Spötteleien ihres Freundeskreises fielen ihm auf die Nerven und das tägliche öffentlich zu Bett gelegt werden, half der Beziehung auch nicht weiter. Die Schuld für die nichtvollzogene Ehe, das Ausbleiben des Thronfolgers gab man, wie könnte es anders sein, Marie Antoinette. Was könnte einem nur mäßig aufgeklärten Backfisch leichter fallen, als den phlegmatischen Gatten zu leidenschaftlichen Turnübungen zu verführen?

Einer der harmlosen Stiche

Einer der harmlosen Stiche

So langsam kam eine Industrie in Schwung, die bislang nur vor sich hindümpelte: Pamphlete und Hetzschriften, in denen Antoinette als Ehebrecherin, schlampige Gattin und nicht nur den Mann, sondern das Volk betrügende Ausländerin dargestellt wurde, machten die Runde. Es waren vor allem die Höflinge, die diese Schriften in Auftrag gaben oder auch selbst schufen; nicht zuletzt die Brüder Ludwigs ließen ihrem Witz, ihrem Neid und Ehrgeiz freien Lauf – nicht ahnend, wem das Verhetzen eines hungernden Volkes nutzt. Den Auftraggebern nicht, das würden sie noch begreifen.
Ein besonderes Vergnügen bereitete es manchen, diese Blätter in Antoinettes Nähe zu platzieren, so dass die junge Frau mit pornografischen Darstellungen ihrer selbst konfrontiert wurde. Dazu die ständigen Briefe ihrer Mutter, die mittlerweile ihrer Tochter explizite Anweisungen sandte, wie sie den Gatten in Hitze bringen könne. Antoinette ließ die Schreiben äußerlich gleichgültig zu Boden gleiten und kümmerte sich um ihr Vergnügen, das alles Unangenehme überdecken sollte. Wäre Ludwig nur etwas weniger feige und etwas interessierter gewesen: eine Vorhautverengung sorgte für Schmerz, sobald er an eheliche Pflichten nur dachte und eine kleine Operation, ein winziger Schnitt, war die Lösung. An die er sich nicht wagte. Bis sieben Jahre nach der Hochzeit sein Schwager Joseph, Kaiser von Österreich, ihn beiseite nahm und ihm ins Gewissen sprach – als König von Frankreich müsse er seine Pflicht Gattin und Vaterland gegenüber erfüllen. Ludwig wagte es und Marie Antoinette erfurh, um was es in den Pamphleten ging. Dass die Tanten vom Neffen zu hören bekamen, das körperliche Vergnügen sei noch größer als gedacht und er bedauere, so lange gezögert zu haben – das mag uns zum Schmunzeln bringen, erhöhte deren Hass auf die Königin jedoch. Wo immer Antoinette erschien, irgendwer hatte einen Groll gegen sie.

Am 18. Dezember 1778 bringt Marie Antoinette ihr erstes Kind, Marie-Thérèse, Madame Royale, zur Welt. Allein die Berichte über diese Geburt sind ein solcher Horror, dass ich bereit bin, ihr fast alles nachzusehen: Kaum setzen die Wehen ein, scharen sich etwa 50 Höflinge um ihr Bett, das in einem nicht zu großen Raum steht, dessen Fenster geschlossen sind. Es ist eine lange und schwere Geburt, die vielen Menschen nehmen ihr wortwörtlich die Luft zum Atmen. Immer stickiger und heißer wird es und als das Kind endlich geboren ist, verliert die Königin das Bewußtsein mit dem Ausspruch, sie sterbe. Blut entfließt ihrem Mund, der Arzt fordert Platz, Luft und einen Aderlaß. Ludwig erweist sich jetzt nicht nur als treusorgender Gatte, sondern als zupackend wie nie zuvor oder je wieder danach: er stößt jeden beiseite, der zwischen ihm und den Fenstern steht, um dort festzustellen, dass diese sich nicht mehr öffnen lassen – seit Jahrzehnten waren sie nicht genutzt worden. Ohne lange zu zögern, zertrümmert er die Fenster und lässt die Dienerschaft die gesamte Bagage grob aus dem Raum werfen. Von nun an muss die Königin nicht mehr unter Zeugen gebären, als wäre sie die Attraktion eines Wanderzirkus.

Mit Schwägern und Kindern

Mit Schwägern und Kindern

Noch drei weitere Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen, brachte Antoinette zur Welt, doch Madame Royale sollte die einzige sein, die das Erwachsenenalter erreichte. Der Dauphin starb im Juni 1789, was sicherlich auch ein Grund ist, weshalb die vom Volk entfernte Königin von den sich abzeichnenden Ereignissen nichts mitbekam. Ein Fakt, der erstaunlich selten betrachtet wird. Das zuletzt geborene Mädchen starb schon 1787 mit elf Monaten. Für Antoinette, die mit vielen einander zugetanen Geschwistern groß geworden war, müssen diese Todesfälle unendlich schmerzhaft gewesen sein.

Die leere Wiege der verstorbenen Tochter ...

Die leere Wiege der verstorbenen Tochter …

Marie Antoinette als Mutter zeigte sich anders als die junge Königin: ständige Bälle, Glücks- und Kartenspiel, ihre Theateraufführungen und heimlichen Ausflüge waren Vergangenheit; mit viel Liebe wandte sie sich ihren Kindern zu. Auch die immer größeren Roben und Kopfaufbauten waren vergessen. Sie bemühte sich um einen schlichteren Lebensstil. Aber wie könnte es anders sein: auch das war nicht recht. Waren ihre Ausgaben vorher zu hoch, so warf man ihr nun vor, Schäferin zu spielen und im Hemd herumzulaufen, was einer Königin von Frankreich nicht angemessen sei – nun wolle sie auch noch die Seidenweber und Modistinnen in den Hungertod treiben. Irgendetwas ist ja immer, immer ist etwas. Hass und Hetze brodelten nur selten unterbrochen weiter hoch.

Sozusagen ein Make over. Vorher ...

Sozusagen ein Make over.
Vorher …

... und nachher

… und nachher

Lasst mich bitte einschieben: über Marie Antoinette einen kurzen Abriss schreiben zu wollen, ist nahezu unmöglich – mir ja sowieso. Zum einen kann man ihr nicht gerecht werden und zum anderen ist ihre Zeit, ihre Umgebung unglaublich gut dokumentiert. Der Adel schrieb und schrieb und schrieb und Privatheit gönnte man ihr nicht – und die Geschichten und Geschichtchen über sie gehen in die Tausende. Jede einzelne ist ein Baustein, ein Zahnrädchen in dem vorwärts treibenden Uhrwerk, das ihre verrinnende Zeit tickend begleitet. Immer wieder frage ich mich beim erneuten Sichten dieser Erzählungen, ob ihr Leben anders verlaufen wäre, hätte sie hier anders entschieden, diesem Menschen nicht vertraut oder jenes Wort verschwiegen. Doch am Ende sind es nicht die von ihr gesagten Worte und begangenen Taten, es ist das durch Hass und Gier erbaute Lügengeflecht, das sie zu Fall bringen wird. Was Hetze, üble Nachrede und Lügen anrichten können: hier sehen wir es klar und deutlich.

Es ist ungerecht: seit Jahrhunderten hatte Frankreich endlich ein Königspaar, das mit den besten Absichen antrat, das die verhasste Maitressenwirtschaft (denn bislang waren die oft hochgebildeten und den jeweiligen König positiv beeinflußenden Geliebten die Sündenböcke für alles gewesen) abschaffte und neuen Ideen im Rahmen ihrer gottgegebenen Größe offen gegenüber stand. Ein Sonnenkönig hätte viel früher, viel härter eingegriffen, um jedes noch so gerechtfertigte Murren zum Schweigen zu bringen.

Unter all diesen Geschichten finden sich

  • die berühmte Halsbandaffäre, die wie Pech an ihr klebte und ihr neue Feinde brachte.
  • Die adoptierten Kinder, für die sie sorgte – der Wunsch nach Kindern und Familie war groß und treibend.
  • Ihre immer wieder unternommenen Ausflüge in die Politik, vor allem, wenn es um die Beziehungen zu Österreich ging.
  • Natürlich wurde auch ihr, wie bald allen Königinnen und Maitressen vor ihr, unterstellt, sie habe den Armen das Kuchen essen empfohlen, so sie kein Brot hätten.
  • Die Freundinnen: nach der Princesse de Lamballe, die eine reiche, sehr zurückhaltende Frau von sanftem Wesen war, trat Gabrielle de Polignac auf den Plan, die an sich raffte, was sie nur erhalten konnte und ihrer Familie Posten zu verschaffen wußte – beide wurden in den nicht versiegenden Hetzschriften als lesbische Geliebte der verderbten Königin gehandelt.

Und zu guter Letzt ist da Axel von Fersen, ein schwedischer Aristokrat mit deutsch-baltischen Wurzeln. Er war – was sonst – gut aussehend, charmant und geistreich. Aber wer ihn näher kannte, beschrieb ihn auch als selbstverliebt, arrogant, schwermütig und als gefühlskalten Schürzenjäger. Zwar schrieben sich von Fersen und Antoinette leidenschaftliche Liebesbriefe und verbrachten gerne Zeit miteinander, doch ist eine echte Beziehung, eine Affäre unwahrscheinlich – wir wissen es ja schon: Privatheit gab es für die Königin kaum. Vieles spricht für eine Beziehung, die bewußt platonisch und eher Minne als Liebe war.
Um die Königin herum vibrierte es vor Erotik, Klatsch und Tratsch und sie war mit einem Mann verheiratet, der am glücklichsten in seiner Schlosserwerkstatt und bei der Jagd war. Der ihr treu und freundlich zugetan, aber eben weder ein Adonis noch ein Casanova war. Axel von Fersen mag ihre Phantasie angeregt haben, es mag geprickelt haben – für die Traumtänzerin, die sie noch immer war, wahrscheinlich ausreichend. Von Fersen hingegen scheint sich vor allem in der Aufmerksamkeit einer Königin gesonnt zu haben; abwechselnd sprach er Freunden gegenüber entweder schmachtend von „der einzigen Frau, die ich liebe, aber nicht besitzen kann“ oder aber er gab zu verstehen, dass er die Zuneigung der Königin großzügig erdulde. Was immer er empfand, es hielt ihn nicht von Beziehungen zu anderen Frauen ab.

Hans Axel von Fersen

Hans Axel von Fersen

Über all dem, den Geburten und den Todesfällen, den Skandalen, Mißverständnissen und Affären, den wechselnden Moden und Marotten, verging die Zeit und das Volk hungerte. Nur um den nachbarlichen Erbfeind auf der Insel zu ärgern, entsandte Frankreich den Amerikanern eine Armee, die sie in ihren Bestrebungen nach Unabhängigkeit von der englischen Krone unterstützte. Mit den zurück kehrenden Soldaten kamen neue Ideen von Freiheit und Gleichheit ins Land, mit denen der Adel kokettierte, Bürgertum und dritter Stand aber arbeiteten …